Beim Speeddating gerieten die Kandidaten ins Schwitzen

Manche gerieten ins Schwitzen, andere blieben ganz gelassen und brauchten höchstens mal einen Keks oder ein Gummibärchen zur Stärkung: Speeddating – das hat etwas mit Schnelligkeit zu tun, keine Frage. Die NZ hatte ins JAM nach Idar eingeladen: Die Aura im Jugendtreff ist an und für sich schon lebendig und frisch. Und das war das Ziel: Eine junge Veranstaltung sollte es mit den Kandidaten für die Landtagswahl werden.

Natürlich galt es nicht, die große Liebe zu finden. Es ging darum, Ansichten überzeugend zu vertreten und Inhalte zu liefern. Fünf Spitzenpolitiker auf dem heißen Stuhl, Mario Kuhn (AfD) hatte abgesagt, Raimund Fey (Freie Wähler) fehlte unentschuldigt: Beim Speeddating mussten Hans Jürgen Noss (SPD), Damian Hötger (CDU), Matthias Keidel (FDP), Manuela Holz (Die Linke) und Thomas Petry (Bündnis 90/Die Grünen) erklären, warum ihre Politik die Wähler überzeugen soll. Sieben Debattiertische mit sieben Themen wurden vorbereitet: Nationalpark, Infrastruktur, Demografie, medizinische Versorgung, Zentralabitur, Flüchtlinge, Freizeitgestaltung – darum ging es in jeweils sechsminütigen Gesprächsrunden.

Ein Glockengebimmel leitete die jeweils neue Runde ein. Ganz nach dem klassischen Speeddating-Prinzip wechselten die Politiker nach jeder Runde den Tisch, um sich neuen Gesprächspartnern zu widmen. In dieser Phase blieb den Schülern Zeit, die Direktkandidaten zu bewerten. Anlehnend an das Projekt „Jugend debattiert“ wurden nach bestimmten Kriterien Schulnoten vergeben, sodass jeder Politiker am Ende seine „Zeugnisnote“ bekam. (…) Das Speeddating der NZ konnte online via Liveticker verfolgt werden.

Nationalpark

Thomas Petry (Grüne): „Der Nationalpark hat ein Riesenpotenzial.“ Als Beispiele nennt er den geplanten Radweg am Rande des Schutzgebietes und das große Feld der Elektromobilität: „Das muss aber von Mainz angeschoben werden.“ Es brauche vor allem zum Start Förderprogramme für die strukturschwache Region. Der Zustand der Fußgängerzonen in Idar-Oberstein habe eine „grauenhafte Außenwirkung“. Edelsteine allein reichen laut Petry nicht mehr. Es gelte, zwischen Römern, Kelten, Edelsteinen und dem Nationalpark Brücken zu schlagen und dafür mit einem Internetportal und einer App zu werben.

Demografie

Auch Thomas Petry (Grüne) sieht eine Chance für „Telearbeit“, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen. „Zum Leben ist es ja sehr schön bei uns.“ Studenten am Umwelt-Campus oder der Edelstein-FH müsse man eine Perspektive geben. Das Duale Studium sei hier ein guter Ansatz. Kultur- und Freizeitangebot seien hervorragend, der Nationalpark unterstütze das noch.

Infrastruktur

Für Thomas Petry (Grüne) ist die Versorgung des Kreises Birkenfeld mit schnellem Internet noch ausbaufähig. „Idar-Oberstein steht ja ganz gut da, aber beispielsweise in Gerach geht gar nichts“, sagt er. Doch fast noch schlimmer findet es der Grüne, dass der Landkreis mit schlechten Kreis- und Landesstraßen durchzogen ist. Dass diese Verkehrswege auf Vordermann gebracht werden, ist für ihn noch wichtiger als eine dritte oder vierte Spur der B 41. Forderungen nach einer durchgängigen Vierspurigkeit kann er ohnehin nicht verstehen: „Da stoßen wir topografisch an Grenzen.“ Zudem sei es eine Mär, dass breitere Straßen automatisch mehr Wirtschaftsunternehmen anziehen würden. Die Hunsrückspange lehnt Petry komplett ab: „Zu teuer.“

Flüchtlinge

Thomas Petry (Bündnis 90/Die Grünen): „Wir brauchen keinen Zaun an der Grenze und sind verpflichtet, Menschen, die vor Krieg und aus Notsituationen heraus fliehen, Hilfe zu leisten. In Rheinland-Pfalz haben wir eine gute Steuerung bei der Unterbringung der Flüchtlinge und die Lage im Griff. Alle haben ein festes Dach über dem Kopf. Wichtig für die Zukunft wird es vor allem sein, die Fluchtursachen einzudämmen. Das Verbot von Rüstungsexporten ist dabei ein entscheidender Punkt. Wir Grünen sind der Meinung, dass wir in Deutschland ein Recht auf Integration brauchen und der Bund mehr Geld für Sprachangebote zur Verfügung stellt.“

Hausärztlichen Versorgung

Thomas Petry (Bündnis 90/Die Grünen): „Die Kassenärztliche Vereinigung hat die Kreise immer größer gezogen. Hier wurde eine Grenze überschritten. Anschubfinanzierung für Ärzte auf dem Land, Unterstützung durch die Kommune, die Zusicherung eines gewissen Einkommens: Je nach Dringlichkeit müssen Anreize kombiniert werden.“ Petry ergänzt: „Ich glaube im Übrigen nicht, dass man eine Eins in Mathe haben muss, um ein guter Arzt zu werden.“ Es gehe auch um soziale Kompetenzen. Und: Arzt werden auf dem zweiten Bildungsweg, flexible Modelle, um in den Beruf einsteigen zu können – auch hier böten sich Möglichkeiten.

Angebote für junge Menschen

Thomas Petry (Bündnis 90/Die Grünen): „Es gibt hier schon ein gutes kulturelles Angebot, zum Beispiel im Stadttheater, wo die Initiative StattKino läuft. Aber es gibt keine regelmäßigen Angebote für junge Leute. Das müssen wir ändern. Leider haben wir kein Geld, um ein Kino in der Stadt zu eröffnen. Man könnte im Rahmen von StattKino Jugendkino anbieten.“

Zentralabitur

Thomas Petry (Bündnis 90/Grüne) erklärte, er sei offen für viele Ansätze, verwies aber gleichzeitig darauf, dass man ja inzwischen nicht nur im deutschen, sondern im europäischen Maßstab eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse herstellen müsse. Man dürfe aber keineswegs die Lehrpläne zu stark zentralisieren, sondern müsse den Bundesländern Gestaltungsspielräume lassen. Dabei sei zu beachten, dass es heute immer mehr unterschiedliche Bildungswege zum Abitur gebe.

Fazit

Die Bilanz der Politiker: „Eine tolle Veranstaltung mit Debatten auf hohem Niveau.“ (…)  Auch die „alten Hasen“ Petry und Noss waren sich einig: „Eine prima Veranstaltung mit tollen jungen Leuten.“

Das Fazit der Heinzenwies-Gymnasiasten, die sich inhaltlich bestens vorbereitet hatten: „Interessant, Politiker mal so nah und auf Augenhöhe zu begegnen.“ (…)

Quelle: Nahe-Zeitung vom 05. März 2016

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